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Uwe Schwarz: "Ich spüre absolute Erleichterung"

Uwe Schwarz leitet seit 2017 den Seniorenhof "Mückenberger Ländchen" in Lauchhammer, unsere südlichste Einrichtung. Das Haus befand sich im Frühjahr 2021 noch in einem Corona-Hotspot. Trotzdem ist Uwe Schwarz tiefenentspannt. Er wirkt wie jemand, der es einfach draufhat, Lösungen zu finden. Auch für Pandemien.

 

Herr Schwarz, beschreiben Sie doch bitte mal Lauchhammer.

Das kann ich tatsächlich ganz gut, ich bin ein echter Lauchhammeraner. Und ich denke: Für so einen Job wie meinen sollte man auch dort aufgewachsen sein.

Warum?

Lauchhammer ist eine alte Braunkohlestadt. Von der Kohle hat der Großteil der Bewohner jahrzehntelang gelebt. Das bedeutet, eine ganze Arbeitergeneration ist dabei, in Rente zu gehen. Unsere Bewohner sind zu 80 Prozent aus Lauchhammer. Und als Mitarbeiter oder eben Einrichtungsleitung muss man die Seele der Menschen, die man betreut, verstehen können. Als Sozialarbeiter, das habe ich ursprünglich gelernt, kann ich das ganz gut, aber meine regionalen Wurzeln helfen auch dabei.

Wie groß ist Ihre Einrichtung?

Wir sind die größte Altenhilfeeinrichtung des EDBTL mit 150 Plätzen. Daneben betreiben wir eine Tagespflegeinrichtung mit zwölf Plätzen und einen ambulanten Pflegedienst.

Wann kam der erste Corona-Schock?

Der erste richtige Schock kam eigentlich erst im Herbst. Ich weiß es noch genau: am 20. November 2020. Da ist unsere erste Mitarbeiterin erkrankt. Und dann verbreitete sich der Virus trotz der Umsetzung aller Hygienemaßnahmen in unserem Haus.

Zuerst mussten Sie im März 2020 die Einrichtung für Besucher sperren.

Genau. Ab März 2020 hatten wir einen täglichen Krisenstab, der sich aus den leitenden Mitarbeitenden des Hauses zusammensetzte. Da sich die pandemische Lage sowohl im Haus, im Landkreis als auch im Land fast täglich änderte, mussten auch die Maßnahmen im Seniorenhof fortlaufend angepasst werden. Dazu gehörte unter anderem die Schließung für die Besucher ab dem 13. März 2020.

Was hat Sie täglich beschäftigt?

Ich habe fast jeden Tag mit dem Gesundheitsamt telefoniert und versucht, meine Mitarbeiter, die in häuslicher Quarantäne waren, sich aber nach ein paar Tagen schon wieder völlig gesund und belastbar fühlten, früher aus der Isolation zu holen – und wenn es nur um einen Tag ging! Ein Tag eher als geplant wieder im Dienst – das heißt Entlastung für alle Kollegen und auch ein schönerer Alltag für unsere Bewohner. Manchmal haben meine Deals sogar funktioniert. Aber oft sind gerade fertig gestellte Dienstpläne nach einer Stunde wieder zusammengebrochen, weil der nächste Mitarbeiter ausfiel. Es war heftig.

In einem Satz: Wie war 2020?

2020 war für mich eine enorme Herausforderung. Und anstrengend.

Was hat Sie am Laufen gehalten?

Uns hat der Stamm von langjährigen Mitarbeitern getragen, der sich mit der Einrichtung verbunden fühlt. Mich hat das Engagement sehr beeindruckt. Ganz besonders aber das von unserer Friseurin, die in unserem Haus einen Salon hat, den sie natürlich auch schließen musste. Im Dezember meldete sie sich per Mail bei mir, ich konnte mir gar nicht vorstellen, was sie wollte. Ich hab nur gehofft, dass sie uns keine Vorwürfe wegen der ganzen Situation macht. Aber ganz im Gegenteil: Sie schlug vor, weil sie ja momentan nur zu Hause herumsitzen konnte, uns ehrenamtlich zu helfen! Und dann hat sie in der Weihnachtszeit Geschenke der Angehörigen abgeholt, den Bewohnern übergeben, sie hat Staub gewischt, mit den Bewohnern gesprochen, ging mit ihnen spazieren – und hat uns alle so sehr entlastet, dass ich ein ganz neues Bild von ihr bekam. Ich bin so dankbar für diese Erfahrung.

Solches Engagement hebt die Stimmung?

Ja, es motiviert uns alle. Auch in mir kam zwischendurch öfter die Sorge auf: Kann ich das aushalten? Und wenn ja, wie lange? Aber ich bin ganz gut darin, mich zu fokussieren. Und das haben wir gemacht: von Tag zu Tag gedacht und gearbeitet. Es bringt nichts, die Zukunft vorhersehen zu wollen oder darüber zu verzweifeln, dass man nicht weiß, wann wieder eine gewisse Normalität einkehrt. Man muss das anpacken, was gerade ansteht.

Frustration oder Angst haben in Ihrer Einrichtung keine große Rolle gespielt?

Sorge, ja. Angst, nein. Ich spüre absolute Erleichterung, dass wir die Sache durchgestanden haben. Natürlich war die Zeit sehr schwer. Meine Mitarbeiter und ich sind sehr überarbeitet. Ich habe im November und Dezember, wo ich auch selbst erkrankt war, quasi gar keine Pause gehabt. Und auch von unseren Bewohnern mussten viele in Quarantäne und konnten ihre Zimmer nicht verlassen. Wir finden, dass einige in der Zeit sehr abgebaut haben. Und was mich wirklich traurig macht: Seitdem ich hier arbeite, sind noch nie so viele Menschen in so kurzer Zeit gestorben. Wir haben momentan so viele freie Zimmer wie in unserer Anfangsphase vor 25 Jahren.

Und dennoch wirken Sie nicht verzweifelt.

Stimmt. Grundsätzlich bin ich erleichtert. Wir sind, so abgedroschen es klingen mag, wirklich gestärkt aus der Krise gegangen! Darauf sind wir stolz. Wir haben halt immer zusammengehalten. Selbst zum Höhepunkt unserer Krise haben wir nicht auf unsere Weihnachtsfeier, auf die sich immer alle freuen, verzichtet, sondern haben eine Weihnachtswoche daraus gemacht. Es gab täglich von Montag bis Freitag ein Weihnachtsbuffet. Die Mitarbeitenden konnten sich in kleinen Gruppen und unter Beachtung der Abstands- und Hygieneregeln das Weihnachtsessen schmecken lassen. Wir haben kleine Geschenke gepackt, unter anderem mit Gutscheinen, und sie an alle Mitarbeiter verteilt. Das hat die Motivation auch hochgehalten.

Herr Schwarz, was brauchen Sie in diesem Jahr?

14 Tage Strand. Vielleicht mit alten Herren Boccia spielen. Und ein gutes Buch.

Danke Ihnen für das Gespräch!