Skip to main content

Lehniner Gespräch mit Bodo Ramelow und Ilko-Sascha Kowalczuk

| Global

„Das Schlimme ist, dass wir über dem lauten Gebrüll, was angeblich alles Mist ist, am Ende vergessen, wo überall wunderbare Blüten sind.“

Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow (Die Linke) brachte es gegen Ende des Abends auf den Punkt: In einem Gespräch über den „Osten“ muss man immer daran erinnern, dass es viele Erfolgsgeschichten gibt, die eigentlich eine ganz andere Erzählung über die Deutsche Einheit fordern als die vielen Klagelieder, die angestimmt werden. Er und der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk stellten Rahmen der „Lehniner Gespräche“ ihr gemeinsames Buch „Die neue Mauer. Ein Gespräch über den Osten“ vor. 

Thema waren im vollbesetzten Festsaal des Klosterhotels auf dem Gelände des ehemaligen Zisterzienserklosters natürlich die immer stärkere AfD und die Ereignisse im Sachsen-Anhaltinischen Landtag. Die beiden spannten aber auch einen weiten und sehr, sehr interessanten Bogen über Themen wie die eigenen Erfahrungen mit der DDR beziehungsweise dem Leben dort und mit den Jahren nach der Wiedervereinigung. Im Vereinigungsprozess sei einiges schief gelaufen, was zusammen mit überzogenen Erwartungen für eine toxische Stimmung sorge, die in ganz Deutschland immer weiter um sich greife. 

Die Beiden arbeiteten heraus, dass die Mauern, die Deutschland heute teilen, eher Gerechtigkeitsthemen sind wie die ungleiche Verteilung von Vermögen. Dass diese Probleme aber vergleichsweise harmlos sind, stimmt auch: „95 Prozent aller Menschen weltweit hätten gerne unsere Probleme, wir dagegen sind der Ansicht, wir hätten 95 Prozent aller Probleme“, fasste Ilko-Sascha Kowalczuk die Larmoyanz zusammen, die Teile der deutschen Gesellschaft im Griff hat. 

Die Lehniner Gespräche im Diakonissenhaus Teltow sind eine lose Abfolge von Gesprächsrunden, in denen Experten verschiedener Fachrichtungen sowie Politiker oder Wissenschaftler Herausforderungen diskutieren, vor denen der ländliche Raum, aber auch die Gesellschaft insgesamt steht. 

Die Gespräche greifen eine alte Tradition auf: Lehnin war seit der Gründung des Klosters durch den Zisterzienserorden im Jahr 1180 ein Ort, von dem aus kulturelle und wirtschaftliche Impulse in die nähere und fernere Umgebung ausgingen. Mit den Lehniner Gesprächen setzt das Diakonissenhaus nun seinerseits ebenso Anregungen und ermöglicht einen Wissenstransfer aus dem Landkreis Potsdam-Mittelmark hinaus. 

Alle Nachrichten